Alle im Blick behalten

Es ist kurz vor 10, gleich öffnet der Tafelladen in Filderstadt-Bernhausen seine Türen. Etwa 20 Kundinnen und Kunden haben sich bereits in eine Schlange vor dem Geschäft eingereiht. „An den langen Menschenschlangen vor allem in den Stadtgebieten wird die immer größer werdende Not sichtbar“, sagt Oberkirchenrätin Dr. Annette Noller.

Der Krieg gegen die Ukraine habe die Situation deutlich verschärft. Seien früher die Tafeln als Beitrag zur Verfestigung von Armut kritisiert worden, würden sie jetzt eher als unerlässlichen Beitrag  der Nothilfe gesehen. „Dabei sollen und können die Tafeln nicht die Grundversorgung von Menschen in Armut sicherstellen“, sagt Annette Noller.

Hier ist und bleibt der Staat gefordert, alle Menschen mit dem Notwendigsten auszustatten um den Lebensunterhalt sicherzustellen.

Oberkirchenrätin Dr. Annette Noller, Vorstandsvorsitzende

Seit 1995 gibt es den Laden in Bernhausen, auf Initiative des Kirchenbezirks. Seit 2005 ist der Tafelladen in der Verantwortung des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen und in der Echterdinger Straße 51 untergebracht, zusammen mit dem Diakonieladen. Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, setzt sich politisch schon viele Jahre für eine auskömmliche Finanzierung der Fildertafel ein: „Die Tafelläden“, betont er, „sind eine unverzichtbare Unterstützung von Menschen mit wenig Geld.“

Nummernprinzip gegen Drängelei

Ein Mitarbeiter des Tafelladens verteilt an die Wartenden Nummern. Nicht der Platz in der Schlange entscheidet, wer zuerst in den Laden darf, sondern der Zufall. Elisabeth Ganssloser, Leiterin des Tafelladens, erklärt warum. „Das mag auf den ersten Blick ungerecht wirken, aber das vermeidet, dass die Leute schon um sieben Uhr morgens kommen, um ganz vorn zu sein. Und so gibt es auch keine Drängelei.“ Eingeführt wurde dieses Nummernprinzip schon 2015, als die vielen Kriegsgeflüchteten aus Syrien für eine stark gestiegene Nachfrage in den Tafelläden sorgten. Die Stimmung in der Schlange ist tatsächlich entspannt, man kennt sich, unterhält sich miteinander.

Drinnen sortieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vor allem Langzeitarbeitslose, die vom Jobcenter vermittelt werden und ein paar Ehrenamtliche, wovon es seit Corona immer weniger gibt – die frisch reingekommene Ware. Obst- und Gemüsepäckchen werden geöffnet, alles, was nicht mehr gut ist, wird entsorgt, die gute Ware landet im Laden.

Langzeitarbeitslose Menschen und Ehrenamtliche sortieren Lebensmittel. ©Dagmar Kötting

Punkt 10 Uhr wird der Tafelladen geöffnet, die Kundinnen und Kunden dürfen nur einzeln eintreten; und auch nur, wenn sie einen Berechtigungsschein vorweisen können. Alle nehmen das Anstehen ruhig und gelassen hin. Schon vor dem Ukrainekrieg war das Angebot der Tafelläden sehr gefragt. Nun sind die vielen Geflüchteten hinzugekommen. Und jene Menschen, die durch die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise mit dem Geld, was ihnen zur Verfügung steht, ihren Lebensunterhalt nur noch schwer oder eben gar nicht mehr bestreiten können. „Aktuell kommen am Tag etwa 150 Kundinnen und Kunden und die Zahl steigt stetig“, erklärt Elisabeth Ganssloser. Was erschwerend hinzu kommt: „Die Lebensmittelspenden sind extrem zurückgegangen. Optimierte Bestellsysteme der Lebensmittelhändler führen dazu, dass weniger übrig bleibt, und viele Discounter bieten die reduzierten Waren selbst an, da bleibt zu wenig für die Tafeln“, erläutert Tanja Herbrik, im Kreisdiakonieverband Esslingen für den Fachbereich Armut und Beschäftigung zuständig. Elisabeth Ganssloser, die seit 2017 den Bernhausener Tafelladen und seine Ableger in Echterdingen und Nellingen sowie den Diakonieladen leitet, verdeutlicht das an einem aktuellen Beispiel:

Gestern kamen meine Mitarbeiter von einer Tour mit gerade mal 3 Kisten Frischware zurück, früher waren es meist 10 bis 12, manchmal auch 15.

Elisabeth Ganssloser, Leiterin der Tafel Filderstadt-Bernhausen

Ein weiterer Grund für die Knappheit in den Tafelläden: Viele Waren, die früher aus Überproduktionen der Lebensmittelindustrie über den Bundesverband der Tafeln verteilt wurden, erreichen nicht mehr die Läden, sondern werden von den Unternehmen an Unterkünften für Geflüchtete abgegeben oder an die Geflüchteten gespendet, die jetzt in den Grenzländern zur Ukraine leben. Grundsätzlich löblich, aber in den Tafelläden führt das zu leeren Regalen.

Eine Entwicklung, die Folgen hat, wie Tanja Herbrik weiß: „Ja“, gibt sie ohne Umschweife zu, „das führt zu Spannungen. „Ich habe aber noch niemanden gehört, der gesagt hat, ,die sollen doch zuhause bleiben‘.“

Es gibt viel Mitgefühl und Verständnis für die Geflüchteten. Aber es steht schon die Sorge im Raum: Was bleibt noch für mich?

Elisabeth Ganssloser, Leiterin der Tafel Filderstadt-Bernhausen

Elisabeth Ganssloser zögert etwas, dann sagt sie: „Klar, unsere Stammkunden sind nicht gerade zufrieden mit der Situation, dass jetzt neue Menschen dazukommen. Und manche der Ukrainerinnen und Ukrainer traten am Anfang recht fordernd auf und konnten nicht verstehen, dass man nicht ein Paket Mehl und auch noch ein Paket Zucker gleichzeitig kaufen kann.“ Eine Tatsache, die Menschen, die nicht auf die Tafeln angewiesen sind, kaum fassen können. Mehl und Zucker gibt es aktuell überhaupt nicht, und von den Lebensmitteln, die nur sehr begrenzt vorhanden sind, darf man nur ein Paket mitnehmen. Also nur die Spaghetti oder nur den Reis.

Nur 12 Packungen Milch für 150 Kunden

Marie (Name geändert) steht an der Theke der rationierten Waren. Sie muss sich zwischen einem Glas Honig und einem Päckchen Reis entscheiden, es ist eines von nur zwei, die heute im Regal liegen. Haltbare Milch gibt es gerade mal 12 Packungen – für rund 150 Kunden. „Ich habe den Reis genommen“, sagt Marie, „der kostet nur 30 Cent und ich brauche ihn zu meinem Spinat, den es heute gibt.“ Marie ist 65 und sie bekommt nur eine „hungrige Rente“, wie sie erzählt, gerade einmal 763 Euro. „Wie kann man leben damit?“, fragt sie. Und sagt dann: „Gut, dass es die Tafel gibt!“ Anfangs war es ihr peinlich, in den Tafelladen zu gehen. „Ich kam mir wie eine Bettlerin vor, aber ich bin keine Pennerin von der Straße, ich habe 40 Jahre gearbeitet, seit meinem 14. Lebensjahr. Und dann kommen welche, die haben noch keinen Tag in Deutschland gearbeitet und bekommen alles, Wohnung, Geld. Manchmal bin ich sauer darüber. Das ist ungerecht.“ Gleichzeitig hat sie großes Verständnis für die Kriegsgeflüchteten.

Andri aus Kiew ist seit März in Deutschland, er kam gemeinsam mit seiner Frau und dem kleinen Kind. Der IT-Spezialist spricht schon ein wenig Deutsch, macht gerade einen Kurs. Wenn er etwas nicht versteht, dann wechseln Elisabeth Ganssloser und er ins Polnische oder nutzen den Google-Übersetzer. Zwei bis drei Mal die Woche reiht sich Andrii in die Schlange vor dem Tafelladen ein. Er schaut, was es hier an preiswerter Ware zu kaufen gibt, den Rest besorgt er dann im Discounter. Ob es ihm etwas ausmacht, hier einzukaufen? Andri zuckt mit den Schultern. „Nein, ich habe kein Problem damit. Wenn ich hier einkaufen darf“, sagt er, „reicht das Geld vom Jobcenter.“

Tanja Herbrik weiß: „Die Situation, dass immer mehr Kundinnen und Kunden auf immer weniger Waren treffen, schafft eine Kluft.“ Deshalb ist ihr ganz wichtig zu betonen: „Wir müssen alle im Blick behalten.“ Tafelläden und die ganze Diakonie stoßen an ihre Grenzen, sagt sie. 2015, zu den Hochzeiten der Flüchtlingsströme dachte Tanja Herbrik noch: „Herausfordernder kann es nicht werden. Heute sage ich: Die aktuelle Situation übertrifft 2015 bei weitem.“ Elisabeth Ganssloser ergänzt: „Eigentlich sollten die Tafeln Ergänzungsversorger sein, aber wir sind immer mehr Grundversorger. Früher kamen die Leute am Monatsende zu uns, wenn das Geld zu Ende ging, heute ist es egal, ob Monatsende oder Anfang ist, die Leute stehen jeden Tag vor dem Laden, ich habe diese Armut jeden Tag vor Augen.“

Manche Tafelläden, so Tanja Herbrik, müssten schon neue Kunden abweisen. Bei ihnen gehe es noch, aber:

Ich will nicht ausschließen, dass wir auch bald einen Stopp für neue Kunden machen müssen. Wir sind als Diakonie sehr besorgt über die Situation, die sich in absehbarer Zeit nicht verbessern wird.

Tanja Herbrik, Kreisdiakonieverband Esslingen

Deshalb fordert sie einen Paradigmenwechsel in der Politik: „Tafeln sind von ihren Ursprüngen Lebensmittelretter, aber da sind wir weit weg davon. Wir fühlen uns als Lückenstopfer. Die Politik muss ihre Verantwortung übernehmen und nicht auf die sozialen Träger und die Tafelläden abwälzen.“ Es braucht, so die Forderung der Diakonie, angemessene Sätze für die Grundversorgung, ob sie nun ALG II, Hartz IV oder Bürgergeld heißen. „650 Euro plus sind bei den gestiegenen Preisen das Minimum, um menschenwürdig leben zu können“, unterstreicht Tanja Herbrik.

Bekim Azemi arbeitet als ALG-II-Empfänger seit Oktober 2021 im Laden, zuvor war er im Einzelhandel tätig. Nach einem Unfall hatte er auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance. Weil er schon einmal im Tafelladen gearbeitet hatte und es ihm gut dort gefiel, bat er seine Beraterin im Jobcenter, ihn wieder dorthin zu vermitteln. Gerade sortiert der 34-Jährige Radieschen, er arbeitet fünf Stunden am Tag „und mir macht´s richtig Spaß.“ Auch er merkt natürlich, dass immer mehr Kunden kommen und immer weniger Ware zu verteilen ist. „Aber die Leute sind doch auf uns angewiesen. Das macht mich traurig, vor allem, wenn ich Leute mit Kindern sehe. Wir sind über jede Spende froh, weil sie uns hilft“, wirbt er. „Wir brauchen mehr Lebensmittel. Dann haben die Menschen mehr zum Kaufen. Wenn man sieht, die Leute gehen aus dem Laden raus und sind fröhlich, dann sind wir auch froh.“

Wir nutzen Cookies auf unserer Webseite. Einige davon werden zwingend benötigt, während es uns andere ermöglichen, Ihre Nutzererfahrung auf unserer Webseite zu verbessern.

Datenschutzerklärung