Gespräche mit höchster Achtsamkeit

Interview mit Claudia Krüger, Pfarrerin in der Abteilung Theologie und Bildung.

Pfarrerin Claudia Krüger

Wo stecken die ethischen Fragen im Advance Care Planning (ACP)?
Autonomie und Selbstbestimmung legen wir als oberste Maxime für die gesundheitliche Versorgungsplanung zu Grunde. Aber am Ende des Lebens kommt das Angewiesensein auf Hilfe und eine fürsorgliche Begleitung als zusätzlicher Aspekt hinzu. Zudem bestimmen die Enttäuschungen angesichts der momentanen Situation und des Lebens als solchem unbewusst die persönlichen Entscheidungen zur Versorgungsplanung. Eine verantwortungsvolle Gesprächsbegleitung nimmt diese seelsorgliche Aufgabe zur Lebensbegleitung wahr.

Welche Gefühle haben alte und sterbenskranke Menschen?
Da gibt es oft eine Scham, die unmittelbar mit der persönlichen Bilanz des Lebens zusammenhängt. Ebenso ist eine verständliche Lebensmüdigkeit im hohen Alter in den Gesprächen aufmerksam zu hören und anzusprechen. Auch die Fragen nach der persönlichen Schuld und nach Rechtfertigung spielen eine Rolle. Eine offene, in diesem Fall seelsorgliche Gesprächsführung ermöglicht eine bewusste Entscheidungsfindung für Leben und Sterben im hohen Alter.

Welche Inhalte hat solch ein Seelsorgemodul?
Beispielsweise werden in Rollenspielen ethische und seelsorgliche Aspekte in Gesprächsbegleitungen wahrgenommen und besprochen. Auch stärken wir die eigenen seelsorglichen Kompetenzen. Thema ist ebenso, die Spannung zwischen zielführender Gesprächsbegleitung und seelsorglichem Gespräch wahrzunehmen, um die eigene Gesprächsbegleitungskompetenz zu erweitern. Inputs sind die Theodizeefrage, der Umgang mit dem Sterbewunsch oder die Frage nach dem Sinn des Lebens im hohen Alter.

Was ist wichtig beim Einführen von ACP in der Diakonie?
Die Gespräche müssen mit höchster Achtsamkeit und in einer guten Atmosphäre stattfinden und auch die seelsorglichen Aspekte berücksichtigen. Gesprächsbegleiterinnen und -begleitern müssen ausreichend Zeit haben, um die Einstellungen der Gesprächspartner zum Leben und zum Sterben zu hören und schriftlich festzuhalten. Ziel des Gespräches darf nicht sein, ein Formular durchzuarbeiten, auszufüllen und zu den Akten zu geben. Es gilt, die Menschen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen im Blick auf ihre letzte Lebensphase intensiver kennenzulernen, wertzuschätzen und zu verstehen, um am Ende in ihrem Sinne die anstehenden Entscheidungen zu treffen.