„Viele freuen sich, dass ausgerechnet an sie gedacht wurde.“

Die Corona-Pandemie und der damit verbundene Lockdown traf alle – manche Menschen waren dennoch stärker davon betroffen. Mit dem Corona-Soforthilfe-Programm „Mutmacher“, das von der Diakonie und der Landeskirche in Württemberg finanziert wird, werden Menschen erreicht und unterstützt, die unter der Pandemie besonders leiden. Auch den wohnungslosen Menschen, die in den Beratungsstellen der Erlacher Höhe Unterstützung finden, Bewohnern der Eingliederungshilfe sowie weiteren Personen im Ambulant Betreuten Wohnen kommt diese Einmalhilfe in Höhe von 50 Euro zugute. Im Interview mit Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe.

Wolfgang Sartorius. Foto: Edgar Layher.

Herr Sartorius, welche Auswirkungen hatte Corona und der damit verbundene Lockdown auf wohnungslose Menschen?
Schauen wir zuerst auf die gesundheitlichen Aspekte: Wenn die Politik dazu aufruft, zu Hause zu bleiben, ist das ziemlich paradox für Menschen, die gar kein Zuhause haben. Wie sollen diese Menschen Hygieneregeln beachten, wenn sie weder über ein Waschbecken noch über eine Dusche verfügen? In kommunalen Obdachlosenunterkünften stellt sich die Situation nicht viel besser dar, dort sind vielfach Mehrbettzimmer und unzureichende Standards anzutreffen, sodass bei Infektionen Quarantänen oft nicht möglich sind. Kommt es zu Quarantänesituationen in Einrichtungen, sind diese psychisch sehr belastend, weil die Menschen dort häufig ohnehin schon psychisch belastet sind.

Auch die materiellen Folgen sind gravierend: Aufgrund von Corona musste die niederschwellige Versorgungsstruktur, mit deren Hilfe man überhaupt nur von Hartz IV leben kann, weitgehend eingestellt werden. Die Tafeln arbeiten vielfach mit älteren Ehrenamtlichen, die besonders vulnerabel sind; Schließungen waren daher konsequent, dies gilt auch für die Tagesstätten. Aber so sahen sich wohnungslose und einkommensarme Menschen plötzlich neuen Formen des Mangels ausgesetzt, das Geld reichte hinten und vorne nicht. Deshalb haben wir seitens der Erlacher Höhe die Bundesregierung bereits am 18. März aufgefordert, die Regelsätze zumindest vorübergehend um 100 Euro zu erhöhen. Viele Organisationen schlossen sich dieser Forderung an – leider ohne Erfolg. So war es ein Segen, dass das Corona-Soforthilfe Programm „Mutmacher“ sehr kurzfristig zustande kam.

Wie unterstützt das Geld die Menschen konkret, wofür wird es eingesetzt?
Viele Menschen haben es dankbar als Zuschuss zu den gestiegenen Lebenshaltungskosten angenommen, andere für die Miete oder für Energienachzahlungen. Und manchmal waren dadurch dringende Anschaffungen möglich. Ich weiß von einem Fall, bei dem der defekte Backofen durch ein gebrauchtes Gerät für 50 Euro ersetzt werden konnte; dies war genau der Betrag, den die Person erhalten hatte.

Bekommen Sie Rückmeldungen, wie der Mutmacher ankommt und aufgenommen wird?
Ja, ich zitiere hier gerne ein paar Beispiele. Ein Betroffener sagte: „Sie wissen gar nicht, wie sehr wir (meine Freundin und ich) das gerade brauchen können! Wir dachten erst, es sei ein Scherz und konnten es gar nicht glauben!“ Oder: „Sagen Sie den Geldgebern vielen lieben Dank! Damit kann ich nun für einen Monat die Medikamente bezahlen, die meine Kasse nicht übernimmt, das hilft wirklich.“ Ein Elternpaar sagte: „Unser Einjähriger wird sich tierisch drüber freuen. Sonst muss man ja immer die Hosen runterlassen, damit man in absoluten Notsituationen was bekommt.“ Insgesamt war auffallend, dass sich viele vor allem darüber gefreut haben, dass ausgerechnet gerade an sie gedacht wurde. Zu wissen, dass sie in diesen Zeiten nicht vergessen sind und sich jemand um sie kümmert: Dieses Gefühl der Wertschätzung hat bei vielen überwogen.

Was würden Sie sich von der Politik in Zeiten wie Corona für Menschen in prekären Situationen wünschen?
Politik in Bund und Land muss aus der Pandemie lernen. Bezogen auf wohnungslose Menschen halte ich fünf Konsequenzen für unerlässlich: An erster Stelle steht der Schutz vor Wohnungslosigkeit durch eine verbesserte Wohnbaupolitik, die Wohnungslosigkeit quantitativ reduziert. An zweiter Stelle folgen angemessene Regelsätze in der Grundsicherung. Drittens eine im Hinblick auf Seuchen verbesserte, lokale Infrastruktur in niederschwelligen Versorgungssystemen, in psychiatrischen Kliniken, beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) und bei der gesetzlichen Betreuung. Viertens verbesserte Standards in den „klassischen“ Strukturen der Wohnungslosenhilfe: Einzelzimmer mit einer eigenen Sanitäreinrichtung sollten analog der Heimbauverordnung der Regelfall werden.

Besonders dringend ist ein verpflichtender Ausbau der hygienischen Standards in kommunalen Notunterkünften, damit diese auch im Fall einer Epidemie oder Pandemie genügen. Der letztgenannte Punkt ist skandalös; die Situation in vielen kommunalen Obdachlosenunterkünften ist himmelschreiend. Besonders im ländlichen und kleinstädtischen Raum ist diese Thematik bei vielen Kommunen unbeliebt. Dass eine ordnungspolitische Verpflichtung zur Vermeidung von Obdachlosigkeit besteht, wird dabei mancherorts ignoriert oder in einer Weise umgesetzt, die nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes vereinbar ist. Leider nehmen in vielen Bundesländern, auch in Baden-Württemberg, die Aufsichtsbehörden über Kommunen ihren Job nicht richtig ernst, sonst hätten wir andere Zustände in den kommunalen Obdächern.

Was macht Ihnen während der Pandemie Mut?
Einmal sind das viele Mitarbeitende der Diakonie, die während der Hochphase der Pandemie Tag für Tag in großer Treue ihre Arbeit verrichtet und Menschen unterstützt haben, so gut es die Corona-Verordnungen jeweils zuließen, und dabei eigene Interessen und Ängste zurückgestellt haben. Zweitens vertraue ich in die Gegenwart Gottes und die Erfahrung, dass der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit auch durch Krisen trägt. Drittens habe ich die Hoffnung, dass die Politik in Bund und Land irgendwann doch noch zu verstehen lernt, dass unsere Gesellschaft im Innersten nicht von hohen Exportüberschüssen zusammengehalten wird, sondern von Menschen, die ihre Berufung darin sehen, sich als Krankenschwestern und Lehrer, als Erzieher und Ärzte, als Hauswirtschafterinnen, Sozialarbeiter und Hausmeister beruflich oder im Ehrenamt in einem Verein um andere zu kümmern. Dies muss besser vergütet und attraktiver ausgestaltet werden, damit mehr junge Menschen einen Sozial- oder Gesundheitsberuf wählen.