„Gemeinsam etwas bewegen“

Seit fast einem Jahr ist Oberkirchenrätin Dr. Annette Noller Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Frau Noller, wie haben Sie Ihre bisherige Zeit in der Diakonie Württemberg erlebt?

Es waren ereignisreiche Monate. Mein Arbeitsbeginn lag mitten in der Corona-Krise. Umso dankbarer bin ich für den guten Start, den mir Frau Armbruster und Herr Dr. Bachert im Vorstand und die anderen Mitarbeitenden im Haus und im Verband ermöglicht haben. Mich hat beeindruckt, wie viel hier jeden Tag geleistet wird. Das wurde mir beispielsweise an den vielen Newslettern deutlich, in denen den Trägern und Einrichtungen sehr kompetent und konkret die Umsetzung der Corona-Verordnungen der Ministerien erläutert wurden und werden. Auch die diakonischen Einrichtungen und Dienste und auch die Fachverbände arbeiten hoch professionell und behalten dabei das Wohl der Mitarbeitenden und Klienten oder Bewohnerinnen im Auge. Die Themenvielfalt und die politische Dimension der Arbeit ist wirklich bemerkenswert.

Die gute Einarbeitung war sehr wichtig, denn ich musste schon rasch Gespräche – auch mit Vertretern und Vertreterinnen der Politik – führen, viele Informationen aufnehmen, Prozesse begleiten und lenken und auch Entscheidungen treffen. Als Oberkirchenrätin bin ich auch in der Kirchenleitung an vielen Prozessen beteiligt. Viele Themen bearbeiten wir auch gemeinsam. Es ist also viel zu tun, aber ich freue mich sehr, in Diakonie und Kirche etwas bewegen zu können, für unsere Klienten und Bewohnerinnen und natürlich auch für unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden.

Welche Themen haben Sie bisher hauptsächlich beschäftigt?

Unsere Einrichtungen und Dienste mit ihren Mitarbeitenden, Bewohnern und Klientinnen wurden hart von der Corona-Krise getroffen. Hier zu unterstützen, war zu Beginn meiner Dienstzeit ein wichtiges Thema. Besonders die Erstattung der Mehrkosten für Schutzmaßnahmen in der Eingliederungshilfe bedurfte großer Anstrengungen. Diese Problematik betrifft auch die Wohnungslosenhilfe. Es ist ja nicht einzusehen, dass in der Pflege die Schutzmaßnahmen refinanziert werden, in den Bereichen aber nicht.

Wohnungslose Menschen in der Corona-Zeit gut zu begleiten, ist sicherlich nicht einfach.

Schon allein die Mindestabstände einzuhalten, ist schwierig. Und wichtige Angebote wie Tagesstätten durften zunächst nicht offen gehalten werden. Die Einrichtungen und Dienste waren aber immer aktiv. Wir müssen auch sehen, dass es in der Wohnungslosenhilfe inhaltlich große Veränderungen gibt: Es ist dort längst nicht mehr nur der „typische“ Obdachlose, der ältere Mann mit Bart. Immer mehr Frauen, junge Erwachsene und sogar Familien verlieren ihre Wohnung. Leider sind die so genannten Obdächer in den Kommunen über die ordnungsrechtliche Unterbringung sehr oft unzumutbar: schlechter baulicher Zustand, keine Rückzugsmöglichkeit. Wir mahnen an, dass dies insgesamt, für jeden Menschen, nicht geht und schon gar nicht für Frauen und Kinder. Auch deshalb engagieren wir uns als Diakonie Württemberg für den sozialen Wohnungsbau.

Was war sonst noch wichtig?

Ein weiteres wichtiges Thema war und ist für den Verband die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG). Es hat lange gedauert, bis wir den Landesrahmenvertrag hatten – und auch danach hat es noch gehakt. Zu Beginn meiner Dienstzeit war auch der geschäftsmäßige assistierte Suizid ein großes Thema. Es geht um die Frage, welchen Umgang damit wir unseren Einrichtungen empfehlen können und wollen. Der diakonische Ansatz geht  immer von der Unterstützung zu einem menschenwürdigen Leben aus. Es ist ein, wie ich finde, sehr hilfreiches Orientierungspapier bei uns dazu entstanden. Und dann nenne ich noch die Frage der Kirchenzugehörigkeit von Mitarbeitenden in der Diakonie. Auch bei diesem Thema sind wir natürlich in enger Abstimmung mit der Landeskirche unterwegs. Und auch die Gewaltschutzrichtlinie beschäftigt uns in Diakonie und Kirche.

Zusätzlich zur Corona-Krise war das Jahr von anderen Krisen geprägt: zum Beispiel von Flutkatastrophen oder der schwierigen Lage in Afghanistan.

Ja, und wir sehen, dass dies Situationen sind, in denen die Diakonie gefragt und auch tätig ist. Kirche und Diakonie sind besonders dort vor Ort, wo Menschen in Not sind. Als Landesstelle von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe unterstützen wir in weltweiten Krisen. Unter anderem auch nach den Erdbeben in Haiti. Bei uns in Württemberg sind wir konkret tätig und wir äußern uns auch zu politischen Fragen – zum Beispiel zu Flucht und Vertreibung, zur Aufnahme von schutzbedürftigen Personen aus Afghanistan oder zur Bewahrung der Schöpfung angesichts globaler Klimakrisen.

Welche Themenschwerpunkte werden im kommenden Jahr auf die Diakonie Württemberg zukommen?

Themen, mit denen sich die Diakonie jetzt schon beschäftigt und bearbeitet, sind die Pandemiefolgen – vor allem für Kinder und junge Erwachsene. Viel zu lange wurden ihre Bedürfnisse auf Bildung reduziert. Die Auswirkungen der fehlenden sozialen Kontakte auf Kinder und Jugendliche wurden dabei kaum gesehen. Die Landesregierung setzt eine Enquetekommission zur Aufarbeitung der Pandemiefolgen ein und wir hoffen darauf, dort auch gehört zu werden. Wir haben in unserer Jugendhilfe große Erfahrung. Prinzipiell muss es nun darum gehen, „miteinander ins Leben“ zu gehen, wie es unser Jahresthema für 2022 sagt. Wir müssen uns nach dieser Zeit mit ihren besonderen Herausforderungen, und wir haben sie ja noch nicht überwunden, in vielen Bereichen neu ausrichten. Das betrifft uns privat, aber auch im Dienst. Nicht zu vergessen ist auch die finanzielle Sicherung von Einrichtungen und Arbeitsbereichen. Die Arbeit geht uns nicht aus. Insgesamt ist die Diakonie in Württemberg gut aufgestellt und ich freue mich darauf, die Herausforderungen gemeinsam mit vielen anderen Menschen zu bewältigen.