„Persönliche Kontakte lassen sich nicht ersetzen.“

Sebastian Kirsch ist Vorstandsassistent des Vorstands der Erlacher Höhe und zusätzlich Teamleitung Wohnungslosenhilfe in der Abteilung Calw-Nagold. Aus letzterem stammen seine Praxiserfahrungen, aus ersterem der fachliche Gesamthorizont. Im Interview berichtet er, wie Corona die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe beeinflusst hat.

Sebastian Kirsch in der Wohnung eines Klienten, dem akut Wohnungslosigkeit drohte. Gesundheitlich bedingt konnte er sich nicht mehr um seine Angelegenheiten kümmern.

Corona hat uns alle in eine Krise gestürzt. Vor welche Probleme wurden Wohnungslose in dieser Zeit gestellt?
Zum Beispiel, dass die Tagesstätten wenn überhaupt, dann nur noch für Bewohner und Mitarbeitende offen waren. „Für Außenstehende kein Zutritt!“ Keine Möglichkeit mehr zur Begegnung und auch keine günstige warme Mahlzeit mehr. Unseren „Stammkunden“, die fast täglich da waren, wurde abrupt ihre letzte Anlaufstelle genommen. Für viele hatte die Kontaktlosigkeit schwerwiegende psychische Folgen – wiewohl auch ein Vorteil der Wohnungslosen darin lag, weitestgehend kontaktlos zu den Wohlhabenden zu leben, die Corona zur weltweiten Verbreitung verholfen haben.

Ganz schwierig für unsere Klienten war, dass Ämter, Behörden und andere Dienste sich in ihren Büros und im Home-Office verschanzt haben, statt Sicherheitsvorkehrungen einzurichten und weiter vor Ort da zu sein. Und das in einer Zeit, in der nicht weniger, sondern mehr Präsenz von Nöten gewesen wäre. Wie soll sich denn beispielsweise ein wohnungsloser Mensch ohne Handy und ohne Geld auf digitalem Weg bei einem Jobcenter melden? Es darf kein zweites Mal passieren, dass gerade die Ärmsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft derart allein gelassen werden!

Und als Otto Normalverbraucher sich dann wieder vor die Eisdiele setzen durfte, verhängte man für Wohnungslose pauschal eine Ausgangssperre. Das vermeintliche Schutzbedürfnis haben die Betroffenen sehr deutlich als Stigmatisierung wahrgenommen. Es muss endlich aus den Köpfen, dass Wohnungslose sich auf bärtige alte kranke Männer reduzieren, die man bevormunden muss.

Wie hat sich durch Corona Ihre Arbeit verändert?
Dank Corona bin ich in meiner Leitungstätigkeit nicht mehr so viel auf der Straße, das war überfällig. Der Betreuungsalltag dagegen hat sich kaum verändert. Nach wenigen Wochen teils reduziertem Kontakt zu Risikopersonen gab´s fast in allen Fällen Lösungen zur Einhaltung von Abstand und Hygiene. Der Umgang mit Risiken gehörte in der Wohnungslosenhilfe schon vor Corona zum täglich Brot.

Verändert hat sich mein Bewusstsein dafür, wie dringend nötig unsere Klienten persönliche Kontakte brauchen. Sie lassen sich in einigen Fällen sinnvoll digital ergänzen, aber niemals ersetzen. Mitte August hab ich einen meiner Klienten tot neben seinem Bett vorgefunden und war so froh um die vielen Gespräche mit ihm während Corona.

In Krisensituationen ist oft nicht klar, wo man als erstes anpacken muss. Was war für Sie das Dringendste?
Das Dringendste war: Unsere Betreuten dabei mitzunehmen, Wohnbereiche und ambulante Angebote so umzuorganisieren, dass sie der Verordnungsflut, die über uns hereinbrach, standhielten. Oberste Priorität hatte, alles zu geben, dass es für die Klienten zu keinen Einschränkungen in der Versorgung und Betreuung kommt. Trotz Corona und gerade deshalb da zu sein, war das Dringendste.

Sie haben auch am Kurs „Diakonische Wohnungslosenhilfe“ teilgenommen, den es in dieser Form bundesweit nur einmal so gibt. Welchen Hauptaspekt nehmen Sie aus dem Kurs mit?
Wer sich wehren kann, ist klar im Vorteil! Natürlich nur verbal und im Rahmen legaler Rechtsdurchsetzung.

Wie können Sie die Inhalte in Ihrem Arbeitsalltag anwenden?
Indem ich neben meinen sonstigen Tätigkeiten auch noch Klienten betreue. Da ergibt sich die Anwendung von selbst.

Auf was hoffen Sie im zweiten Block?
Bei derart ernsten Themen? Auf so viel Spaß wie im 1. Block!

Was können Sie von Ihren Klienten lernen?
Die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären. Meine Klienten lehren mich, gerade ihre Eigenarten, ihr Anderssein zu lieben und zu schätzen, auch das, was andere abstößt: Es verstecken sich so viele Gaben und Fähigkeiten dahinter. Und viele ihrer Schicksale lehren mich: Gib nicht auf, gib niemanden auf!

Wie sich unsere Bewohner umeinander sorgen und füreinander da sind, ihr Mitgefühl wenn es jemandem schlecht geht: Das habe ich nirgends auch nur ansatzweise so erlebt, wie in der Wohnungslosenhilfe. Und wenn’s mal Zoff gibt, hinterher wieder gut miteinander zu sein: Da habe ich schon so manche Lehrstunde erhalten.

Und meine Klienten haben mir beigebracht zu lachen – auch wenn’s gerade nichts zu lachen gibt. Das herzhafte Lachen eines vom Leben gezeichneten Mannes über das Missgeschick einer Sozialarbeiterin sagt mehr als jeder Vortrag über positive Fehlerkultur.

Schließlich kann man über die großen Fragen des Lebens so abstrakt nachdenken, über Werte, Leid, Tod, Schuld, Vergebung, Gott und die Welt. Kann man, aber nicht in der Wohnungslosenhilfe. Wie viele Lichter sind mir da schon aufgegangen. Gott sei Dank!