Beteiligte Zivilgesellschaft in und nach Pandemiezeiten

Erfahrungen und Impulse aus der kirchlich-diakonischen Flüchtlingsarbeit

Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! (Korinther 16,13). In all den Veränderungen durch eine weltweite Pandemie wird es nicht darum gehen, dahin zurück zu finden, wo die Gesellschaft vor diesem Einschnitt stand. Es gilt Beteiligung und Begegnung neu zu gestalten.

Mit dem Beginn der Pandemie waren Teilhabe und aktive Mitgestaltung aller zivilgesellschaftlicher Gruppen – und so auch die gemeinwesenorientierte kirchlich-diakonische Flüchtlingsarbeit – zunächst in einen Absage- und Wartemodus versetzt. Der Perspektivenwechsel, der davon lebt, andere Narrative kennen zu lernen, verlor den gemeinsamen sozialen Raum. Ängste, Verunsicherung, Isolation, Rückzug sowie die Ungleichheit von Schutz und Teilhabe betrafen plötzlich alle Menschen in der Gesellschaft, allerdings in sehr unterschiedlicher Ausprägung und Härte. Das Zerbrechliche des Lebens verband die Menschen neu und führte an vielen Orten zu solidarischen Helfer- und Helferinnennetzwerken. In dieser Zeit entwickelten sich auch neue bemerkenswerte Solidaritätsaktionen: zum Beispiel nähten geflüchtete Frauen Masken oder Geflüchtete übernahmen Einkaufsdienste. Neue Begegnungsformate ergaben sich bei Spaziergängen, am Telefon, über den Zaun, am Fenster, in digitalen Räumen, über soziale Netzwerke, mit Briefen, mit Filmen, Gruppenangebote im Freien … Schnell gerieten auch die Auswirkungen sozialer Ungleichheit in den Fokus, insbesondere im Kontext des Homeschoolings unter den Bedingungen äußerst beengter Flüchtlingsunterkünfte.

In der Ausnahmesituation der Pandemie wurde auch deutlich, wie unterschiedlich Menschen motiviert sind. Diese Vielfalt führte in direkten Begegnungen aber auch bei Demonstrationen teils zu äußerst problematischen Vermischungen bis hin zu rechts-extremistischer und verschwörungstheoretischer Unterwanderung des zivilgesellschaftlichen Engagements.

Im Blick auf die bevorstehende Öffnung nach der akuten Pandemiephase – und vor allem im Blick auf gesellschaftliche Teilhabechancen – werden offene und inklusive Ansätze im Fokus stehen müssen. Dabei ist allen populistischen und rassistisch geprägten Bestrebungen, die die Corona-Pandemie in Zusammenhang mit Migration, Flucht oder Minderheiten bringen und vulnerable Menschen zu Trägern einer Bedrohung machen, entschieden entgegen zu treten.

Insgesamt hat sich Engagement in Corona-Zeiten verändert: Die großen sichtbaren Aktionen und Verbünde wie Asylkreise sind weniger geworden. Andererseits ist ein vielfältig vernetztes politisches Engagement gewachsen, z. B. im Eintreten für menschenwürdige Lösungen für geflüchtete Menschen, die an den europäischen Außengrenzen gestrandet sind. Zivilgesellschaftliches kirchlich-diakonisches Engagement mit Geflüchteten ist daher keinesfalls verstummt, aber in vielen Kontexten sehr individuell und im direkten Kontakt tätig. Persönliche und kleine Begegnungsräume auf Augenhöhe sind und bleiben dabei so wichtig wie große Aktionen.

Es gilt neu zu buchstabieren, wie Narrative eines neuen „Zusammen“ in Quartier und Gemeinwesen entstehen. Dabei bedeuten Partizipation und Diversity Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte in den Diskurs und die Gestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Erholungsphase nach der Pandemie einzubeziehen und ihre Sichtweisen und Impulse zu hören.